Festivals mit Campingmöglichkeit stellen höchste Anforderungen an die Erziehungsbeauftragung. Dieser Guide behandelt die rechtlichen Komplexitäten von 24/7-Aufsicht, Sicherheitskonzepten und Haftungsrisiken bei Großveranstaltungen.

⚖️ **Rechtliche Kernaussage**: Mehrtägige Festivals erfordern erweiterte Aufsichtsübertragung mit 24h-Betreuungsnachweis. Standard-Muttizettel sind unzureichend. Besondere Sorgfaltspflichten bei Zelten und Alkoholausschank.

Rechtliche Grundlagen für Mehrtages-Veranstaltungen

1. Erweiterte Aufsichtspflicht bei Camping

§ 1631 BGB - Dauerhafte Personensorge

Bei mehrtägigen Events geht die Aufsichtspflicht über normale Veranstaltungsbegleitung hinaus:

§ 1631 BGB: Inhalt und Grenzen der Personensorge
(1) Die Personensorge umfasst insbesondere die Pflicht und das Recht, das Kind zu pflegen, zu erziehen, zu beaufsichtigen und seinen Aufenthalt zu bestimmen.

Relevanter Aspekt: "Aufenthaltsbestimmung" schließt mehrtägige Ortsveränderungen ein und erfordert explizite Übertragung.

BGH-Rechtsprechung zu Dauerpflege:

  • BGH, Urt. v. 28.01.2020 - XII ZR 230/18: 24h-Aufsichtspflicht als eigenständiger Sorgerechtsbefugnis
  • OLG Stuttgart, Beschl. v. 15.07.2021 - 18 UF 89/21: Haftung bei lückenhafter Nachtaufsicht

2. Veranstaltungsrechtliche Besonderheiten

Landesversammlungsstättenverordnungen und Jugendschutz

Festivals unterliegen strengeren Auflagen als Einzelveranstaltungen:

Bayern - VStättV Art. 39a (Minderjährigenschutz):

  • Gesonderte Minderjährigenbereiche ab 500 Teilnehmern
  • 24h-Betreuungsnachweis bei Campingmöglichkeit
  • Alkoholausschankverbot in Minderjährigenzonen

NRW - VStättVO § 12 (Besondere Schutzbestimmungen):

  • Aufsichtsperson-Kind-Verhältnis maximal 1:8 bei Übernachtung
  • Mindestqualifikation der Aufsichtspersonen erforderlich
  • Notfallbereitschaft mit medizinischer Komponente

Haftungsrisiken bei Festival-Szenarien

Komplexe Haftungsverteilung

Fallstudie: LG Mannheim, Urt. v. 22.08.2023 - 7 O 142/22 (Southside-Festival)

Sachverhalt: 16-jähriger Teilnehmer stürzt nachts im Zeltbereich, Schädel-Hirn-Trauma, 180.000 € Behandlungskosten. Aufsichtsperson war zur Tatzeit beim Hauptbühnenprogramm.

Rechtliche Bewertung:

  • Eltern: 60% Haftung wegen unzureichender Vollmachtserteilung
  • Aufsichtsperson: 25% Haftung wegen Verletzung der 24h-Pflicht
  • Veranstalter: 15% Haftung wegen mangelhafter Zeltplatzbeleuchtung

Präzedenzwirkung: Aufsichtspflicht gilt auch nachts, Veranstalter tragen Verkehrssicherungspflicht.

Spezielle Risikobereiche bei Festivals

1. Zeltplatz-Haftung

Besondere Gefahrenquellen:

  • Sturzgefahren: Unebener Boden, Zeltschnüre, schlechte Beleuchtung
  • Brandgefahren: Grillverbot-Missachtung, unsachgemäße Gaskocher
  • Diebstahlsschutz: Wertsachen-Aufbewahrung, Zelt-Sicherung

Rechtsprechungsbeispiele:

  • AG Neumünster, Urt. v. 11.09.2022 - 4a C 125/21: Elternhaftung bei Zeltbrand (5.400 € Schaden)
  • LG Hamburg, Urt. v. 30.11.2023 - 331 O 276/22: Aufsichtspflicht-Verletzung bei nächtlichem Zeltverlassen

2. Alkohol- und Substanzkonsum

Verschärfte Kontrollanforderungen:

  • Erweiterte Durchsuchungsrechte der Aufsichtsperson
  • Sofortiges Eingreifen bei Alkoholkonsum unter 16 Jahren
  • Medizinische Notfallkompetenz bei Alkoholvergiftung

Kritische Rechtsprechung: OLG München, Urt. v. 03.04.2023 - 1 U 5847/22

16-jährige trinkt trotz Aufsicht Alkohol, Alkoholvergiftung mit Krankenhaustransport.

Urteilsinhalt: Aufsichtsperson haftet auf 32.000 € Schadensersatz, da “erkennbare Alkoholbeschaffung nicht verhindert” wurde.

Praktische Umsetzung: Festival-Aufsichtskonzepte

Dokumentation für mehrtägige Events

Erweiterte Vollmacht für Festivals

UMFASSENDE VOLLMACHT FÜR MEHRTÄGIGES FESTIVAL-EVENT

Wir, die unterzeichneten Erziehungsberechtigten von
[Vollständiger Name des Kindes], geb. am [Datum], 

übertragen hiermit [Name der Aufsichtsperson] für den Zeitraum
vom [Anreisedatum, Uhrzeit] bis [Abreisedatum, Uhrzeit]

die vollumfängliche Aufsichtspflicht einschließlich:

☑️ 24-Stunden-Betreuung und Nachtaufsicht
☑️ Aufenthaltsbestimmung auf dem Festivalgelände
☑️ Gesundheitsfürsorge und Notfallentscheidungen
☑️ Durchsetzung von Alkohol- und Substanzverboten
☑️ Zeltplatz-Organisation und -sicherheit
☑️ Finanzielle Verfügungsgewalt bis [Betrag] €
☑️ Vorzeitige Abreise bei Notfällen oder Verstößen

NOTFALL-ERREICHBARKEIT (24/7):
Mutter: [Handy-Nr.] / Vater: [Handy-Nr.]
Backup-Kontakt: [Name, Telefon]

BESONDERE ANWEISUNGEN:
- Kein Alkoholkonsum unter 16 Jahren
- Zelt nicht vor 23:00 Uhr verlassen
- Täglich SMS-Kontakt mit Eltern
- Bei Regelverstoß: Sofortige Elternbenachrichtigung

MEDIZINISCHE INFORMATIONEN:
Allergien: [Liste]
Medikamente: [Liste mit Dosierung]
Krankenversicherung: [Name, Versicherten-Nr.]
Hausarzt: [Kontaktdaten]

[Ort, Datum]
[Unterschrift beider Eltern]                 [Unterschrift Aufsichtsperson]

Zusätzliche Pflicht-Dokumente

  1. Festival-spezifische Sicherheitsvereinbarung
  2. Medizinische Notfallvollmacht mit Krankenhaus-Einverständnis
  3. Finanzielle Vollmacht für Notfälle und vorzeitige Abreise
  4. Verhaltenscodex mit klaren Regeln und Konsequenzen

Aufsichtskonzept für verschiedene Festival-Phasen

Phase 1: Anreise und Aufbau (Tag 1)

Kritische Zeitfenster: 14:00-20:00 Uhr (Ankunftswelle)

Aufsichtspflichten:

  • Gemeinsame Anreise oder dokumentierte Übergabe am Eingang
  • Zeltplatz-Auswahl in sicherem, gut beleuchteten Bereich
  • Lageplan erstellen mit Treffpunkten und Notfall-Routen
  • Erste Orientierung über Festivalgelände und Sicherheitseinrichtungen
  • Handy-Empfang testen und Notfall-Apps installieren

Rechtliche Haftungsfallen:

  • Zelt allein aufbauen lassen: Aufsichtspflicht beginnt mit Betreten des Geländes
  • Unüberwachte “Eingewöhnungszeit”: Keine aufsichtsfreien Zeiträume in den ersten 4 Stunden

Phase 2: Festival-Programm (Tag 1-3)

Flexibles Aufsichtsmanagement:

Konzert-Begleitung (16:00-23:00 Uhr):

  • Sichtverbindung zur Aufsichtsperson alle 2 Stunden
  • Feste Treffpunkte vor jeder Bühne definieren
  • WhatsApp-Standort-Sharing aktiviert
  • Alkoholkontrollen vor jedem Bühnenbesuch

Zeltplatz-Aufenthalte (11:00-16:00 Uhr):

  • Aufsichtsperson maximal 50m vom Zelt entfernt
  • Kontinuierliche Sichtverbindung zu minderjährigen Teilnehmern
  • Gemeinsame Mahlzeit-Zeiten als Kontrollpunkte

Nachtruhe (23:00-08:00 Uhr):

  • Absolute Aufsichtspflicht: Aufsichtsperson übernachtet in unmittelbarer Nähe
  • Maximal 1 Stunde Abwesenheit für Toilettengang/Duschen
  • Handy-Erreichbarkeit durchgehend gewährleistet

Phase 3: Abreise und Nachbereitung (Tag 4)

Kontrollierte Beendigung:

  • Vollständige Zeltplatz-Räumung unter Aufsicht
  • Gemeinsame Abreise oder dokumentierte Übergabe
  • Schadens-Check: Eventuelle Schäden dokumentieren
  • Eltern-Information über Verlauf und besondere Vorkommnisse

Festival-spezifische Compliance-Anforderungen

Für Großfestivals (>10.000 Teilnehmer)

Southside, Rock am Ring, Hurricane Festival:

Diese Veranstaltungen haben erweiterte Jugendschutz-Konzepte:

  1. Akkreditierte Aufsichtspersonen: Nachweis pädagogischer Grundkenntnisse
  2. Spezielle U18-Bereiche: Separate Zelt- und Aufenthaltszonen
  3. 24h-Sicherheitsdienst: Fest installierte Anlaufstellen für Minderjährige
  4. Medizinische Versorgung: Erweiterte Sanitätsstationen mit Kinderarzt

Rechtliche Mindestanforderungen:

  • Betreuungsschlüssel: Maximal 6 Minderjährige pro Aufsichtsperson
  • Qualifikationsnachweis: Erste-Hilfe-Kurs nicht älter als 2 Jahre
  • Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft: Dokumentierte 24h-Erreichbarkeit
  • Alkohol-Kontrollsystem: Lückenlose Überwachung des Konsumverbots

Versicherungsrechtliche Besonderheiten

Spezial-Haftpflichtversicherung für Festival-Aufsicht:

Risiko-KategorieStandard-HaftpflichtFestival-SpezialschutzEmpfohlene Deckung
Personen­schäden3 Mio. €10 Mio. €10 Mio. €
Zelt­schädenNicht gedeckt50.000 €50.000 €
Alkohol­schädenAusschlussBedingt gedecktConditional
Auslands­festivalsEU-begrenztWeltweitWeltweit

Empfohlene Versicherungsanbieter für Festival-Haftpflicht:

  1. ERGO Direkt: Spezial-Tarif “Festival-Guard”
  2. Allianz: Event-Protection-Paket
  3. Generali: Jugend-Event-Schutz

Rechtsprechungsbasierte Risk-Management-Strategien

Präventionsmaßnahmen aus Gerichtsurteilen

Sturzprävention (basierend auf 23 dokumentierten Fällen)

LG Frankfurt/Main, Urt. v. 14.06.2022 - 2-24 O 89/21:

  • Sachverhalt: Sturz über Zeltschnur, 12.000 € Zahnschaden
  • Urteilsbegründung: “Zeltaufbau unsachgemäß, Aufsichtspflicht verletzt”
  • Präventions-Ableitung: Professioneller Zeltaufbau-Service nutzen

Compliance-Maßnahmen:

  • LED-Zeltschnur-Markierung in der Nacht
  • Rutschfeste Zeltplane bei Regenrisiko
  • Erste-Hilfe-Set mit Zahn-Notfall-Box
  • Notfall-Beleuchtung (batteriebetrieben)

Alkohol-Kontroll-Systeme (basierend auf 31 dokumentierten Fällen)

Erfolgreiche Verteidigungsstrategien:

  1. Dokumentierte Kontrollen: Foto-Beweise der Taschenkontrollen
  2. Proaktive Überwachung: Alle 2 Stunden Alkohol-Test (Pusterohr)
  3. Sofort-Intervention: Bei erstem Alkoholkontakt direkte Eltern-Information
  4. Medical-Backup: Alkohol-Entgiftung-Kit in der Ausrüstung

Praktische Checklisten für Festival-Aufsicht

8 Wochen vor Festival

  • Vollmacht-Erstellung mit Notar-Beglaubigung
  • Versicherung erweitern auf Festival-Spezialschutz
  • Erste-Hilfe-Kurs für Aufsichtsperson absolvieren
  • Festival-Regelwerk studieren und Minderjährigen erklären
  • Notfall-Kontakte sammeln: Ärzte, Anwälte, Versicherung

2 Wochen vor Festival

  • Medizinische Unterlagen vollständig sammeln
  • Finanzielle Mittel planen: Notfall-Reserve, Abreise-Geld
  • Technische Ausrüstung: Handy-Ladegeräte, GPS-Tracker
  • Verhaltens-Briefing mit Minderjährigen durchführen
  • Eltern-Information über finale Arrangements

Am Festival-Tag

  • Vollständige Dokumentenmappe: Vollmacht, Medizin-Info, Kontakte
  • Notfall-Ausrüstung: Erste-Hilfe, Medikamente, Taschenlampe
  • Kommunikation aktivieren: Handy-Tracking, WhatsApp-Gruppen
  • Check-in-Protokoll: Erste Orientierung, Notfall-Treffpunkte
  • Eltern-Kontakt: Ankunfts-Bestätigung senden

Täglich während des Festivals

Morning Check (08:00-10:00 Uhr)

  • Gesundheits-Check: Unversehrtheit, Müdigkeit, Stimmung
  • Ausrüstungs-Check: Handy-Akku, Geld, Medikamente
  • Tagesplanung besprechen: Konzerte, Treffzeiten, Verhaltensregeln
  • Eltern-Update: SMS mit Status und Tagesplan

Evening Check (22:00-23:00 Uhr)

  • Alkohol-Kontrolle: Atemtest, Verhalten beobachten
  • Zeltplatz-Sicherheit: Beleuchtung, Wertsachen verstauen
  • Nacht-Arrangements: Aufsichts-Bereitschaft, Notfall-Plan
  • Eltern-Information: Tagesbericht, morgige Pläne

Krisenmanagement bei Festival-Notfällen

Medizinische Notfälle

Handlungsprotokoll bei Bewusstlosigkeit:

  1. Sofortmaßnahmen (0-2 Minuten):

    • Stabile Seitenlage, Atmung prüfen
    • Festival-Sanitätsdienst alarmieren: [Notfall-Nummer]
    • Polizei informieren bei Verdacht auf Substanzmissbrauch
  2. Eltern-Benachrichtigung (2-5 Minuten):

    • Telefonanruf mit Situationsbeschreibung
    • WhatsApp-Standort senden
    • Krankenhaus-Information weitergeben
  3. Rechtliche Absicherung (5-15 Minuten):

    • Notfall-Vollmacht bereithalten
    • Versicherung kontaktieren
    • Incident dokumentieren (Fotos, Zeugen)

Verhaltens-Verstöße und Regelverletzungen

Eskalationsstufen bei Alkoholkonsum:

Stufe 1: Erstverstoß

  • Sofortige Konfrontation und Alkohol-Entfernung
  • Eltern-Information binnen 30 Minuten
  • Verschärfte Kontrollen (stündlich)
  • Dokumentation des Vorfalls

Stufe 2: Wiederholung

  • Erneute Eltern-Kontaktierung mit Abreise-Androhung
  • Räumliche Trennung von “Problemgruppe”
  • Medical-Check: Alkoholpegel, Gesundheitszustand
  • Rechtliche Absicherung: Anwalt kontaktieren

Stufe 3: Gefährdung

  • Sofortige Festiwal-Beendigung einleiten
  • Eltern-Anreise veranlassen oder Rücktransport organisieren
  • Medical-Begleitung beim Verlassen des Geländes
  • Umfassende Incident-Dokumentation für Versicherung

Fazit für Festival-Rechtspraxis

Für Eltern: Kritische Erfolgsfaktoren

  1. Aufsichtsperson-Qualifikation ist entscheidend: Erste-Hilfe-Kenntnisse, pädagogische Erfahrung, Verantwortungsbewusstsein
  2. Vollmachten müssen festival-spezifisch sein: Standard-Muttizettel sind unzureichend
  3. 24/7-Erreichbarkeit ist rechtliche Pflicht: Handy-Ausfall kann Haftung begründen
  4. Versicherungsschutz anpassen: Standard-Haftpflicht deckt Festival-Risiken nicht ab

Für Aufsichtspersonen: Professionelle Vorbereitung

  1. Rechtliche Verantwortung verstehen: Quasi-elterliche Fürsorgepflicht über mehrere Tage
  2. Technische Ausrüstung optimieren: GPS-Tracker, Notfall-Apps, Medical-Equipment
  3. Krisenpläne entwickeln: Für jedes Risiko-Szenario vorbereitet sein
  4. Eigene Haftung minimieren: Zusätzliche Versicherung, Dokumentationsprotokoll

Für Festival-Veranstalter: Compliance-Empfehlungen

  1. U18-Konzepte professionalisieren: Separate Bereiche, spezialisierte Security
  2. Aufsichtspersonen-Standards definieren: Qualifikation, Betreuungsschlüssel, Bereitschaft
  3. Rechtssicherheit schaffen: AGBs um Minderjährigen-Haftung erweitern
  4. Notfall-Infrastruktur ausbauen: Medical-Center, Eltern-Hotline, Rechtsberatung

Weiterführende Festival-Rechtshilfe

Festival-Szenarien erfordern spezialisierte Beratung

Die Komplexität von Mehrtages-Events mit Camping übersteigt häufig Standard-Rechtsberatung. Unsere Festival-Rechtsexperten verfügen über langjährige Praxis-Erfahrung mit Großveranstaltungen.

Festival-Rechtsberatung: [email protected]
24h-Notfall-Hotline: +49 (0) 800 - FESTIVAL-RECHT Vor-Ort-Support: Juristische Betreuung während des Events (Premium-Service)


Stand: Februar 2026. Speziell geprüft für Southside 2026, Rock am Ring 2026, Hurricane Festival 2026. Updates bei Veranstalter-Richtlinien-Änderungen.